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Für viele Musiker ist die GEMA ein Verlustgeschäft

Im Rahmen der aktuellen Diskussion bin ich auf folgenden Kommentar eines Users auf Telepolis gestossen:

Der gemeine Nachwuchsurheber schreibt seine Songs und ihm ist klar, dass WENN die Songs Erfolg hätten, er praktisch gar nicht kontrollieren kann, ob irgendwo gegen das Urheberrecht verstoßen wird.

Also GLAUBT er, die GEMA könne dabei helfen, indem sie bei allen zumindest öffentlichen Verwertungen im größeren Rahmen natürlich Inkasso macht, was für den Urheber dann ein kleines Zusatzgeschäft darstellt.

Mir ging es damals nicht anders.

Ist man in dem Laden dann drin, lernt man Folgendes:

- man hat einen Knebelvertrag unterschrieben, der einen mindestens für 6 Jahre verpflichtet, Gebühren zu entrichten und alle Werke zwangsläufig anzumelden.

- Für seine eigenen musikalischen Veröffentlichungen tritt man selbst als Urheber in Vorleistung, bekommt aber das Geld nur zu ca. 70% wieder zurück.

- Die Auszahlung der GEMA-Ausschüttung zieht sich über viele Monate und die Abrechnung ist vollkommen undurchsichtig.

Der Nutzen für 98% aller Urheber dieses Landes geht gegen Null bzw. ist eine Verlustrechnung.

Das sind auch die Erfahrungen, die ich von GEMA-Mitgliedern gehört habe. Besonders der letzte Punkt ist wichtig: Es werden wohl nicht ganz 98 Prozent sein, aber für die Mehrheit der GEMA-Mitglieder ist ihre Mitgliedschaft tatsächlich ein Verlustgeschäft. (Man muss nicht Verschwörungstheoretiker sein, um in der immer wieder angeprangerten Intransparenz der GEMA ein bewusstes Verschleiern der bestehenden Verhältnisse zu sehen, die gegen den aktuellen GEMA-Verteilungsschlüssel und den grundsätzlichen Aufbau und Arbeitsablauf der GEMA sprechen.)

Das Problem mit einer in der Branche so fest verwurzelten Institution wie der GEMA geht allerdings noch weiter als im Kommentar angesprochen:

Die meisten Musiker haben gar keine andere Wahl, als Mitglied in der GEMA zu werden, selbst wenn sie das vielleicht gar nicht wollen: Deutsche Presswerke weigern sich, CDs oder Vinyl zu pressen, bis vom Label nachgewiesen wurde, dass alle auf dem Werk vertretenen Künstler GEMA-Mitglieder sind und die Aufnahme entsprechend bei der GEMA gemeldet ist.

Hier sorgt die GEMA-Vermutung de facto für einen Mitgliedschaftszwang.

Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich, dass gerade der Rückgang des Tonträgergeschäfts dafür sorgt, dass nachwachsende Musiker diesen Zwang immer weniger verspüren.

Die aktuelle Debatte um Events mit CC-Musik und die GEMA-Vermutung ist ein erstes Symptom dieses Wandels, der allerdings für viele Beteiligte noch schmerzhaft(er) werden wird.

Update: Eine weiterführende Diskussion zum Thema hat sich auf Google+ ergeben.

Update2: Der VUT hat einige Antworten von Pressewerken zu diesem Thema eingeholt und in den Kommentaren auf Google+ veröffentlicht. Alle angefragten Pressewerke haben eine wie im Artikel beschriebene Praktik verneint. Es scheint also nicht so verbreitet zu sein, wie ursprünglich im Artikel vermutet.

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  • Micha

    So lange es nur Pauschalen gibt für Radiosender und alle weiteren Medien, werden auch die kleineren nie wirklich was abbekommen.
    Auch die Verteilung, die zur Mehrheit in die Klassik geht, um diese zu Unterstützen zeugt von der Ungerechtigkeit oder von einem Sozialsystem, wo wieder alle für andere zahlen.
    Aber ganz so extrem ist es natürlich auch nicht, CDs werden von Labels gepresst und die Gema zahlt das Label und davon provitieren die Musiker. Ebenso bei Konzerten kann man nachträglich durch die Gema noch das Geld bekommen, was der Veranstalter zahlen muss. Das haben z.B. wir immer gemacht.
    Trotzdem werden wir heute aber auch nicht mehr wieder in die Gema eintreten, denn selbst bei Fernseheinspielungen sind die Gelder dermassen in den Keller gesunken in den letzten Jahren, da es sich wohl nicht mehr wirklich lohnt.

  • Falk

    “Deutsche Presswerke weigern sich, CDs oder Vinyl zu pressen…” – der Satz ist Quatsch. Es stimmt, daß alle Pressungen bei der GEMA gemeldet werden, um eine Freigabe zu bekommen. Allerdings bedingt diese Anmeldung keine Zwangsmitgliedschaft. Bei aller Kritik an der GEMA, die ich weitestgehend teile, aber diese Aussage von dir stimmt wirklich nicht.

  • http://twitter.com/blutzukker blutzukker

    Da schließe ich mich kurzgefasst Falk an. Dasselbe wollte ich nämlich auch gerade schreiben.

  • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

    Ich kenne tatsächlich Fälle, bei denen das Presswerk nicht tätig wurde, solang alle beteiligten Künstler keine GEMA-Mitglieder sind. Und ich bin da anscheinend nicht allein:
    http://www.kraftfuttermischwerk.de/blogg/?p=30971
    Die einzige Frage scheint mir eher, wie weit verbreitet das ist. Ich wäre tatsächlich überrascht, wenn es hierzulande viele Pressungen von Tonträgern gegeben hätte, die von Nichtmitgliedern kommen. Nur weil das in der Theorie möglich ist, heißt es nicht, dass das in der Praxis machbar ist.

  • Falk

    Ich hab allein 35 Produktionen in den vergangenen 3 Jahren selbst realisiert, ohne das die betreffenden Künstler Mitglied bei der GEMA gewesen wären. Bei meinen direkten Geschäftspartnern sind auch die Mehrzahl der Künstler nicht Mitglied. Und wir alle lassen CDs herstellen. Möglich, daß es vor XX Jahren noch sowas wie einen latenten Druck gab, ab Auflage XYZ Mitglied zu werden, aber einen durchsetzbaren Anspruch dazu gab es imho niemals. Was anderes ist es dann auch noch, wenn eventuell Verlagsrechte eine Rolle spielen.

  • http://www.neunetz.com/ Marcel Weiss

    Ok, danke für den Kommentar, Falk!

  • Falk

    Keine Ursache. Falls dich mal noch ein paar konkrete Zahlen dazu interessieren, da hat Bruno von Danse Macabre für den Alternative-Bereich mal einiges dazu geschrieben:

    https://brunokramm.wordpress.com/2011/04/24/zweiklassengesellschaft-der-urheber/

    Das dürfte in der Form für viele kleine Labels, Bands etc. gelten.

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