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Jan Delay und das Verhältnis zwischen Musikern und dem Musikbusiness

Eines der größeren Probleme der Musikbranche ist die Tatsache, dass leider viel zu wenige Musiker sich mit der Geschäftsseite ihrer Tätigkeit beschäftigen.

Unter anderem das ermöglichte es den Majorlabels, mit Deals davon zu kommen, die in anderen Branchen undenkbar wären; und teilweise nicht nur an Betrug grenzen, sondern Betrug sind, der oft sicher nicht aufgedeckt wird, weil der Empfänger des zurückgehaltenen Geldes nichts von dessen Existenz weiß.

Auch populäre Musiker, also auch Musiker, die von der Musik leben, haben oft keinen blassen Schimmer vom Musikbusiness im Ganzen, also abseits ihrer Konzerte, Promotouren, und dem Packaging und Mastering ihrer Alben etc. Das ist sehr schade, weil es ihrer Verhandlungsposition insgesamt schadet.

Ein gutes Beispiel für geringes Verständnis zeigt leider auch Jan Delay, dessen Aussagen zu Filesharing diese Woche die Runde machten. Heute hat er mit ein paar weiteren ausführenden Worten nachgelegt und es zeigt sich leider, dass er zwar das Herz am richtigen Fleck hat, sich mit den Vorgängen in der Musikbranche aber nicht nah genug beschäftigt, um tatsächlich praktikable Lösungsvorschläge zu machen.

Und dabei wäre es heute für Musiker wichtiger denn je, sich anzuschauen, welche neuen Wege möglich werden, die einem vielleicht neben finanzieller Freiheit auch mehr künstlerische Freiheit geben können!

Auszüge aus dem Facebook-Posting von Jan Delay:

ich verlange ein neues system das gerecht an alle musikmachenden weiter verteilt. ich verlange das sich die 3 “großen” mit all den kleinen labels und all den wichtigen institutionen wie gema, gvl, rundfunk-rat und helmut schmidt zusammen an einen tisch setzen. dass sie ihre penisse wieder einrollen, ihre egos an der garderobe abgeben, und auch unter eingeständnissen von einbußen alle zusammen eine lösung finden die für jeden gerecht ist. für konsumenten, produzenten, hersteller und verbreiter.. ich verlange auch, daß man endlich wieder deutsche major-videos auf youtube gucken kann!! werdet euch einig! das ist echt peinlich! so läuft die neue welt nunmal! findet euch damit ab und findet ne lösung! aber um all das zu bewerkstelligen, liebe geneigte leserschaft, liegt es an all euch konsumenten, ein bewußtsein dafür zu entwickeln, daß musik einen wert hat! da haben viele leute lange und hart ( ja, auch dieter bohlen! ) dafür gearbeitet damit ihr das dann auf eurer anlage pumpen könnt ( nein, nicht dieter bohlen! ).

[..]

- wieso das alles nicht handhaben wie schwarzfahren? “fahrkartenkontrolleure” werden eingestellt, und wer so dumm ist sich erwischen zu lassen muss 60 euro blechen.. – eine “musik-steuer” auf alles was musik wiedergeben kann. rechner, mp3-player, boxen, anlagen, usb-sticks, etc.. die erlöse gehen über eine dafür geschaffene institution an newcomer, plattenlabel, studios, produzenten, komponisten, video-regisseure, usw.. an alle unter einer festgesetzten einkommensgrenze. dieter bohlen und ich kriegen davon nix! – mal konsequent die ganzen anwälte statt auf mittellose kids, auf all die “taff”s und “explosiv”s dieser welt ansetzen. die sollen mal gerne und viel dafür zahlen, daß sie ständig unsere musik kommerziell ausbeuten. – oder eine selbstbestimmte, erweiterte “radiohead”-variante. die musikschaffenden gründen einen verein mit einem konto, und jeder der was saugt kann sein schlechtes gewissen mit einem selbstbestimmten betrag frei kaufen. hat was kirchlich-mittelalterliches ;-) man müsste natürlich schreiben für welchen künstler/song, aber ich denke in unserer heutigen verlinkten online-welt, sind es keine kosten oder mühen, mal irgendwohin 1 euro zu überweisen. das würde die ganze industrie natürlich außen vor lassen..

Eine “Musik-Steuer”, wie sie sich Jan Delay vorstellt, gibt es bereits: Nennt sich Urheberrechtsabgabe und soll ausgeweitet werden. Festplatten etwa sollen teurer werden:

Für eine USB-Platte mit weniger als einem TByte Speicherkapazität wären demnach 7 Euro Urheberrechtsabgabe zu zahlen, ab einem TByte fallen 9 Euro an. Für Festplatten mit Netzwerkanschluss sieht die ZPÜ im Kapazitätsbereich unterhalb von einem TByte lediglich 5 Euro Gebühr vor. Für Netzwerk-Festplatten ab einem TByte steigt die Abgabe hingegen um mehr als das Dreifache auf 17 Euro.

Grundsätzlich ist es erfreulich, dass sich auch in Deutschland ein populärer Musiker einmal konstruktiv mit den Herausforderungen der Musikbranche im digitalen Zeitalter öffentlich auseinandersetzt.

Die Einwürfe, die auch von einem Aussenstehenden kommen könnten, der sich ein paar Minuten Zeit nimmt, um darüber nachzudenken, was man ganz net finden würde, zeigen allerdings auch wie weit die Betroffenen, die Musiker, davon entfernt sind, sich an der Entwicklung der Branche und dem darum geführten öffentlichen Diskurs aktiv zu beteiligen.

Denn um aktiv und konstruktiv mitwirken zu können und etwa auch auf die Entwicklung des Urheberrechts Einfluss zu nehmen, sollte man nicht nur betroffen sein, sondern auch wissen und verstehen, in welcher Art und Weise man betroffen ist. Das Verständnis dafür fehlt leider in weiten Teilen noch. Vom Wissen darüber, welche Alternativen denkbar sind, ganz zu schweigen.

Das ist ausgesprochen bedauerlich.

Und auch das ist auch ein Grund dafür, warum noch immer viele Nachwuchsmusiker den Majorlabeldeal als das einzig Glücklichmachende ansehen und warum Startups, die neue Wege auch für Kreative gehen, wie etwa Crowdfunding, verhältnismäßig langsam wachsen.

Die hier beschriebenen Missstände gehören auch zu den Gründen, warum wir neumusik.com betreiben. Wir wollen hier nicht zuletzt auch eine Anlaufstelle für Musiker schaffen, wo diese für sie relevante Informationen zur Entwicklung der Branche und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten finden, ohne zu viel Zeit darauf verwenden zu müssen.

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