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Sozialer Musikkonsum

Es ist 1985. Ich laufe durch die Stadt und höre Musik auf meinem Walkman. Ich höre Musik für mich. Für mich allein. Meine Freunde erfahren maximal später, was ich Tolles angehört habe, wenn ich mich dazu entscheide, ihnen davon zu erzählen.

2012. Ich laufe durch die Innenstadt und höre Musik auf meinem Smartphone mit einer mobilen App von einem On-Demand-Streaminganbieter wie Rdio, Deezer, Spotify oder Simfy. Dank Open Graph und ‘frictionless sharing’ werden die gehörten Songs in der Chronik von Facebook festgehalten. Wer von meinen Freunden in Facebook genau jetzt online ist, sieht den Song im Newsticker an der rechten Seite von Facebook. Dort taucht jedes Lied auf, das ich anhöre. Komplett angehörte Alben bekommen sogar einen Eintrag im zentralen Newsstream von Facebook. Also dort, wo die meisten meiner Freunde auf Facebook mitbekommen, was ich so treibe.

Die Musik, die ich anhöre, kann ich, wenn ich will, mitprotokollieren lassen und so meine Freunde ohne mein Zutun automatisch auf dem Laufenden halten. Das kennt man im Netz bereits: Last.fm hat das Protokollieren der gehörten Musik mit dem sogenannten Scrobbling vor einigen Jahren erfolgreich eingeführt. (Manche Dienste, wie etwa Rdio, können die Songs parallel zu Facebook und Last.fm schicken.)

Der große Unterschied bei den neuen Entwicklungen: Facebook hat weltweit 850 Millionen aktive Nutzer. Wer gehört wird, wird entdeckt. Die Chancen für die Verbreitung gerade für unbekanntere Acts sind enorm, und werden in der Debatte zur Bezahlung der Musiker durch die neuen Dienste oft ausgeblendet. Last.fm zeigte auch schon vor langer Zeit weitere Chancen auf, die mit dem Musikprotokoll einhergehen: Wer oft Bob Dylan hört, will eher wissen, wann Bob Dylan in der Stadt spielt als der der Welt größte Fan von Lady Gaga.

Dienste wie Rdio oder Spotify bieten ihren Nutzern zusätzlich die Möglichkeit, direkt anderen Nutzern zu folgen. So kann man sehen, was Freunde oft hören, welche Alben sie ihrer Sammlung hinzufügen oder sogar für’s Offlinehören auf der App ihres Mobiltelefons speichern. Zusätzlich gibt es auf den Streamingdiensten Accounts von Musikmagazinen, deren Empfehlungen so noch direktere Auswirkungen haben, weil sie dort stattfinden, wo man Musik hört.

Die Verbreitung der Hörgewohnheiten im eigenen sozialen Umfeld über Netzwerke wie Facebook oder direkt auf den Streamingdiensten ist auch etwas für das eigene Ego und die Reputation unter Freunden: In Zeiten der MP3 und des Streamings ist das die Nachfolge für das gut sortierte Plattenregal im Wohnzimmer.
Auch künftig werden wir uns weiter mit Freunden über Musik unterhalten. Die Anknüpfungspunkte aber sind sehr viel vielfältiger geworden. “Sag mal, du hast neulich das neue Album von der Band 08/15 drei Mal hintereinander gehört. Was war denn da los?”

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Dieser Artikel ist redigiert im Musikmarkt erschienen. Weitere Musikmarkt-Kolumnen findet man hier.

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