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Micki Meuser über die Tonträgerbranche damals und heute

Musikproduzent Micki Meuser im Interview mit Interrrobanga:

Was war für dich der schlimmste Fehler, den die Musikindustrie in der Vergangenheit begangen hat?

Die Frage ist: Will man es sich so einfach machen? Die Tonträgerverkäufe sind in den letzten 20 Jahren extrem gefallen – da muss die Musikindustrie schlimme Fehler begangen haben. Aber jeder hat da wohl seine eigene Theorie. Die Musikindustrie selbst sagt, dass ihr durch Raubkopien und illegale Downloads viel Schaden zugefügt wurde. Das ist de facto richtig. Die Musikbranche ist von den 1980ern an bis heute auf die eben erwähnten 10 – 20 Prozent ihres einstigen Volumens geschrumpft. Für mich als Produzent heißt das, wie eben schon beschrieben: Du machst dieselbe Arbeit und bekommst nur 10 Prozent deiner Einnahmen. Das würde jedem, der arbeitet nicht gefallen. Man kann da aber natürlich zumindest eine Mitschuld bei der Tonträgerbranche sehen: Die illegalen Downloads waren auch deswegen so attraktiv, weil die Preise zu hoch waren. Die Musikbranche hat nicht, so wie es jede andere wirtschaftliche Branche tut, wenn es Konkurrenz gibt, die Preise gesenkt um konkurrenzfähig zu bleiben. Man hätte es durchaus tun können, denn es waren große Margen drin. Man hätte auch die Plattenfirmen verkleinern können, denn sie hatten oft riesige Wasserköpfe an Beschäftigten. Im Niedergang musste man das dann später sowieso tun. Ich bin übrigens nicht der immer wieder geäusserten Meinung, dass die Musikbranche das Internet oder die digitalen Medien komplett verschlafen hat. Gerade in letzter Zeit haben wir dazu noch mal recherchiert. Es gibt historische Erfassungen über mehrere frühe Versuche von Online-Stores und digitalen Vertrieben. Doch was willst du machen, wenn du geschäftlich gegen etwas konkurrieren musst, das von der Kopierqualität genauso gut ist, wie das Original, sofort verfügbar ist und nichts kostet. Dagegen kann man nur sehr schwer Geschäftsmodelle entwickeln.

Das ist nicht falsch aber nur das halbe Bild. Die Tonträgerbranche war Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger in einer historisch einmaligen Situation. Der Übergang von Vinyl zu CD hat zu einem Goldrausch in der Branche geführt, weil die kompletten Backkataloge der Labels ein weiteres Mal verkauft werden konnten; zum Teil an die gleichen Kunden. Der CD-Goldrausch musste irgendwann an ein Ende kommen. Unglücklicherweise für die hoffnungslos aufgeblähte Branche passierte das gleichzeitig mit zwei weiteren Entwicklungen.
Zum einen das besagte Internet, das mit MP3 und Napster (Glückwunsch zum Fünfzehnjährigen!) und seinen Erben eine technologische und ökonomische Herausforderung für die Branche darstellen sollte als auch ein Bedeutungsverlust von Musik bei den jüngeren Generationen. In den letzten 15 Jahren ist die Gamingbranche zu einem Milliardengeschäft angewachsen und hat den Taschengeldanteil der Tonträger übernommen.
Mit nichts davon konnte die Branche bis heute umgehen. (Außer öffentlich lamentieren und ganze Bevölkerungsschichten abmahnen)
Wer sich ein bisschen damit beschäftigt, wie die Majorlabels auch heute noch bemüht sind, Innovationen im Musiktechbereich zu unterbinden oder zumindest zu zügeln, kann nicht anders als verwundert sein, dass es mittlerweile doch ein paar Startups im Musikbereich geschafft haben, nicht nach den ersten zwei, drei Jahren pleite zu gehen.

Man sollte da rückblickend auf keinen Fall gnädig sein. Die Majorlabels haben die Entstehung einer Musikbranche im Internet über ein Jahrzehnt mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln behindert. Das hat den Bedeutungsverlust von Musik bei den heranwachsenden Generationen nur beschleunigt.